Was bedeutet es, wirklich gut zu altern?
Dr. Irmgard Felsenbach forscht seit über 15 Jahren zu Ernährung, Bewegung und Alltagsroutinen im Alter. Wir haben sie gefragt, was die Wissenschaft weiß - und was die meisten Menschen dabei übersehen.
Dr. Irmgard Felsenbach
Ernährungs- und Bewegungsforscherin
Über die Gesprächspartnerin
Irmgard Felsenbach hat Ernährungswissenschaften und Sportwissenschaft studiert und anschließend an der Universität Freiburg promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Muskelerhalt nach dem 50. Lebensjahr, auf Schlafqualität als unterschätztem Gesundheitsfaktor und auf dem Zusammenspiel zwischen Ernährungsgewohnheiten und kognitiver Leistungsfähigkeit im Alter.
Sie berät kommunale Gesundheitsprogramme und hat drei Fachbücher veröffentlicht, die sich an ein breites Lesepublikum richten - ohne dabei wissenschaftliche Genauigkeit zu opfern. Seit 2020 ist Evermont ein regelmäßiger Partner, wenn es darum geht, Forschungsergebnisse zugänglich zu machen.
15+
Jahre aktive Forschung
3
veröffentlichte Fachbücher
40+
peer-reviewed Studien
Das Gespräch
Was ist der häufigste Irrtum, den Menschen über das Altern haben?
Dass es vor allem eine Frage der Gene ist. Genetik spielt eine Rolle, aber die Forschung zeigt ziemlich eindeutig, dass Lebensstilentscheidungen - Bewegung, Schlaf, Ernährung - den Verlauf stark beeinflussen. Wer mit 55 anfängt, regelmäßig Kraft zu trainieren, kann noch erhebliche Verbesserungen in Muskelmasse und Knochendichte erzielen. Das ist keine Motivationsrede, sondern Datenlage.
Welche Rolle spielt Ernährung konkret - und was wird überschätzt?
Protein wird massiv unterschätzt, Nahrungsergänzungsmittel werden massiv überschätzt. Ab dem 60. Lebensjahr braucht der Körper mehr Protein pro Kilogramm Körpergewicht als mit 30, weil die Muskelproteinsynthese ineffizienter wird. Gleichzeitig kaufen viele Menschen teure Antioxidantien-Kapseln, deren Wirkung in kontrollierten Studien kaum nachweisbar ist. Hülsenfrüchte, Fisch, Milchprodukte - das ist die nüchterne Antwort.
Schlaf wird oft als Luxus behandelt. Was sagt die Wissenschaft dazu?
Schlaf ist wahrscheinlich der am meisten unterschätzte Faktor in der gesamten Alternsforschung. Im Tiefschlaf werden Stoffwechselabfallprodukte aus dem Gehirn gespült - ein Prozess, der mit dem Risiko neurodegenerativer Erkrankungen zusammenhängt. Wer chronisch weniger als sechs Stunden schläft, zeigt messbare Veränderungen in Entzündungsmarkern. Das ist kein Ratschlag, das ist Physiologie.
Mentale Gesundheit und körperliches Altern - wie hängen die zusammen?
Enger als die meisten denken. Soziale Isolation erhöht das Sterblichkeitsrisiko ähnlich stark wie Rauchen - das klingt dramatisch, aber die epidemiologischen Daten sind robust. Chronischer Stress erhöht Cortisolspiegel, die wiederum Entzündungsprozesse fördern und den Muskelabbau beschleunigen. Wer an gesundem Altern arbeitet, ohne die psychosoziale Dimension zu berücksichtigen, optimiert nur einen Teil des Systems.
Themen, die dieses Gespräch berührt
Das Interview deckt nur einen Ausschnitt dessen ab, womit sich Irmgard Felsenbach beschäftigt. Ihre Arbeit ist bewusst interdisziplinär - weil Altern kein einzelnes Fachgebiet ist, sondern ein Querschnittsthema, das Biologie, Psychologie und Soziologie gleichzeitig betrifft.
- Muskelerhalt ab 50
- Proteinbedarf im Alter
- Schlaf und Kognition
- Soziale Gesundheit
- Entzündungsmarker
- Krafttraining für Ältere
- Ernährungsgewohnheiten